Der stille Schmerz hinter dem Urteil
Warum lassen wir uns behandeln, als wären wir weniger wert?
Warum passen wir uns an, schweigen, lächeln – obwohl es in uns schreit?
Und warum verurteilen wir manchmal sogar andere Frauen, wenn sie mutig sind und ihre Freiheit leben?
Diese Fragen tragen viele von uns im Herzen, auch wenn sie selten laut ausgesprochen werden. Dahinter steckt kein „böses“ Verhalten. Es steckt auch kein Zufall dahinter. Sondern ein Schmerz, der tiefer reicht, als wir oft glauben. Ein Schmerz, der aus alten Erfahrungen, kollektiven Mustern und inneren Wunden wächst.
Viele Frauen kennen die Mechanismen: Wir ziehen Mauern hoch, bevor andere uns verletzen können. Wir beginnen über andere zu urteilen, um uns selbst sicherer zu fühlen. Wir verleugnen uns selbst, um dazuzugehören.
Doch hinter all diesen Mechanismen liegt eine Sehnsucht: die Sehnsucht, wir selbst zu sein – ohne Maske, ohne Rolle, ohne Angst.
In diesem Beitrag möchte ich dich mitnehmen auf eine Reise: hinein in meine eigene Geschichte, die mir gezeigt hat, wie sehr wir Frauen uns selbst und andere verraten können, wenn wir versuchen, in fremde Rollen zu passen. Und hinaus in eine neue Sichtweise: wie wir uns von Urteilen befreien und zurück zu uns selbst finden können.
Meine Geschichte – von Urteilen, Mauern und dem Verlust meiner selbst
Ich war nicht immer eine Frau, die urteilt. Am Anfang war ich einfach ich – offen, herzlich, manchmal naiv, aber immer echt. Doch das Leben hat mir gezeigt, wie es ist, wenn genau diese Echtheit nicht willkommen ist.
Es begann, als ich meine Heimat verließ, um in Schorndorf eine Ausbildung zu beginnen. Für viele ist das ein normaler Schritt, doch für mich war es der Beginn einer großen Veränderung. Plötzlich war ich „die aus dem Osten“. Meine Herkunft wurde nicht neutral gesehen, sondern abgewertet. Man verurteilte meine offene, einfache Art. Dinge, die für mich selbstverständlich waren, wurden belächelt oder gar abgelehnt.
Es tat weh. Denn schon in meiner Schulzeit hatte ich erfahren, wie schmerzhaft es ist, anders zu sein. Aber diesmal reagierte ich anders: Ich zog eine Mauer hoch.
Anstatt weiterhin verletzlich zu sein, beschloss ich, selbst die Starke zu werden – oder besser gesagt: die Harte. Ich begann, andere zu verurteilen, bevor sie es bei mir taten. Es war mein Schutzschild. So konnte niemand mehr in mein Herz stechen, weil ich das Spiel schon vorher spielte.
Doch mit jedem Urteil, das ich sprach, entfernte ich mich ein Stück weiter von mir selbst. Ich begann, eine Rolle zu spielen. Ich passte mich an. Ich zog Kleidung an, die nicht ich war, aber die man an mir sehen wollte. Ich sagte Worte, die nicht aus meinem Herzen kamen, sondern die andere hören wollten. Ich lächelte, wenn mir zum Weinen war. Ich war lieb und still, wenn man mich klein haben wollte.
Und irgendwann war ich nur noch ein Schatten meiner selbst.
Ich spielte diese Rolle so perfekt, dass kaum jemand den Unterschied bemerkte. Ich selbst vergaß fast, wer ich wirklich war. Aber tief in mir war immer dieses leise Gefühl: Etwas fehlt. Ich bin nicht ganz.
In Beziehungen setzte sich das fort. Ich passte mich an, ich hielt aus, ich spielte mit. Von außen sah es vielleicht harmonisch aus, aber innen blieb ein Vakuum. Ich versuchte, diese Leere zu füllen – mit materiellen Dingen, mit schönen Momenten, mit dem, was man „Glück“ nennen sollte. Aber das Gefühl hielt nie lange. Kaum war der Glanz verflogen, war die Leere wieder da.
Doch es gab einen Ort, an dem ich mich selbst spürte: auf Reisen.
Unterwegs konnte ich einfach sein. Niemand kannte mich, niemand erwartete eine Rolle. Ich war frei, neugierig, lebendig. Hier konnte ich atmen, lachen, fühlen. Und jedes Mal, wenn ich reiste, erinnerte ich mich ein Stück daran, wer ich wirklich bin.
So begann meine Veränderung. Keine plötzliche Revolution, sondern kleine Schritte. Unmerklich für andere, aber tief spürbar für mich. Stück für Stück begann ich, die Mauern wieder zu öffnen, meine Stimme zu finden und mich selbst zurückzuholen.
Warum wir urteilen – psychologisch, gesellschaftlich, spirituell
Urteilen ist oft nichts anderes als ein Schutzmechanismus.
Psychologisch betrachtet ist es Projektion. Wenn wir einen Anteil in uns nicht annehmen können, sehen wir ihn bei anderen – und kritisieren ihn dort. Das, was wir ablehnen, ist in Wahrheit ein Spiegel unseres eigenen Schmerzes.
Gesellschaftlich betrachtet tragen Frauen jahrhundertelange Muster in sich. Wir wurden gelehrt, brav zu sein, uns anzupassen, nicht „zu viel“ zu sein. Frauen, die aus der Reihe tanzen, wurden belächelt, beschämt oder verurteilt. Dieses Muster wirkt bis heute, oft unbewusst.
Spirituell betrachtet ist Urteilen ein Ausdruck von Getrenntsein. Wenn wir uns von unserer Essenz abgetrennt fühlen, suchen wir Halt im Außen. Wir bewerten, um Kontrolle zu haben. Wir vergleichen, um uns zu verorten. Aber je mehr wir urteilen, desto weiter entfernen wir uns von unserer wahren Natur: Liebe.
Frauen gegen Frauen – der Kreislauf der Verletzung
Eine der schmerzhaftesten Folgen ist, dass wir Frauen oft beginnen, uns gegenseitig kleinzumachen.
Wenn eine Frau frei tanzt, ihre Sinnlichkeit lebt, mutig Grenzen setzt, ihre Meinung ausspricht, dann löst das bei anderen nicht immer Bewunderung aus. Manchmal löst es Urteile aus:
„Sie ist zu laut.“
„Sie ist zu viel.“
„Sie ist zu unabhängig.“
Doch hinter diesen Urteilen steckt kein echtes Urteil – es steckt Sehnsucht.
Die Freiheit der anderen erinnert an die eigene Unfreiheit.
Die Stärke der anderen weckt die eigene Schwäche.
Die Authentizität der anderen konfrontiert mit der eigenen Maske.
Und so verurteilen Frauen einander, obwohl sie in Wahrheit nur ihr eigenes Gefängnis sehen.
Dieser Kreislauf ist zerstörerisch. Er trennt uns voneinander, statt uns zu verbinden. Er hält uns in alten Strukturen gefangen, anstatt uns gemeinsam zu befreien.
Doch jede Frau, die den Mut hat, sich selbst treu zu sein, öffnet auch den Raum für andere. Wir erinnern uns gegenseitig daran, was möglich ist. Wir halten einander den Spiegel, nicht um zu verurteilen, sondern um uns zu erinnern: Auch du kannst frei sein.
Der Weg zurück – Selbstliebe und Authentizität
Der Weg aus diesem Kreislauf beginnt nicht im Außen, sondern in uns selbst.
Es beginnt mit der Entscheidung, die Maske abzulegen. Mit der Ehrlichkeit, uns selbst zu fragen:
– Wo verurteile ich andere, weil ich mir selbst etwas nicht erlaube?
– Wo spiele ich noch eine Rolle, um geliebt zu werden?
– Wo habe ich Angst, zu viel oder zu wenig zu sein?
Selbstliebe bedeutet, diese Fragen nicht mit Härte zu beantworten, sondern mit Mitgefühl. Es bedeutet, die eigene Geschichte anzunehmen – mit allen Wunden und Schutzmechanismen – und sich sanft daraus zu lösen.
Praktische Schritte können sein:
✨ Kleine Akte der Authentizität im Alltag (ein „Nein“, wo du früher „Ja“ gesagt hättest).
✨ Kleidung, die sich für dich stimmig anfühlt – nicht für andere.
✨ Ehrliche Gespräche, in denen du deine Tiefe zeigst, auch wenn nicht jeder sie versteht.
✨ Räume, in denen du dich sicher fühlst, du selbst zu sein – Natur, Reisen, Heilkreise.
Spirituell gesehen ist es die Rückkehr zu unserer Essenz. Wir sind nicht hier, um Rollen zu spielen, sondern um unser Licht zu leben. Jeder Schritt zurück zu uns selbst ist ein Schritt in Richtung Heilung – nicht nur für uns, sondern auch für das Kollektiv.
Abschluss – vom Schatten zum Licht
Meine eigene Reise hat mir gezeigt: Urteile sind Mauern, hinter denen wir uns verstecken. Doch Mauern halten nicht nur Schmerz fern – sie halten auch Liebe fern.
Heute weiß ich: Ich muss keine Rolle mehr spielen, um geliebt zu werden. Ich muss niemandem gefallen, um wertvoll zu sein. Und ich muss keine Frau mehr verurteilen, die mutig ihren Weg geht – im Gegenteil: Ich darf mich von ihr inspirieren lassen.
Wir Frauen dürfen uns erinnern:
Wir sind nicht schwach, wenn wir fühlen.
Wir sind nicht „zu viel“, wenn wir unsere Wahrheit leben.
Wir sind nicht weniger wert, wenn wir Grenzen setzen.
Wir sind genug – so, wie wir sind.
Und je mehr wir uns selbst erlauben, echt zu sein, desto mehr werden wir auch andere Frauen ermutigen, ihr eigenes Licht zu leben.
Denn am Ende sind wir keine Schatten, die sich gegenseitig bekämpfen.
Wir sind Lichter, die einander entzünden. 🌹✨
Von Herz zu Herz,
Mandy
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